Zusammenlegen oder aktivieren?

Inzwischen ist es bei den Kirchen angekommen. Wenn das Unterhalten kleiner Einheiten lästig wird, wenn die kleinen Einheiten zu wenig zu leisten und wenn sie zu viel zu kosten scheinen, werden sie zu größeren Einheiten zusammengelegt. So geschah es in den 70er Jahren bei den Gebietsreformen mit den politischen Gemeinden im Westen und nach der Wiedervereinigung mit denen im Osten, so geschieht es seit geraumer Zeit mit den Kirchengemeinden.

Stets nimmt die Zufriedenheit mit den Zusammenlegungen von unten nach oben zu und die Unzufriedenheit von unten nach oben ab. Zufrieden sind die, die die Zusammenlegungen verfügen, einigermaßen zufrieden die, die sie auf mittlerer Ebene exekutieren, unzufrieden die, die zusammengelegt werden. Sie wollen nicht nur nicht verlieren, was sie haben und woran sie sich gewöhnt haben. Sie ahnen, was sich auch alsbald erweist: Die Zusammenlegungen machen für sie nichts einfacher, effizienter, angenehmer, besser. Die Behördengänge und Schulwege werden länger, die Behördenvorgänge nicht schneller und die schulischen Angebote nicht reicher, und die geistliche Versorgung der Gemeinden wird reduziert.

Als Vorteil unseres Föderalismus wird gerne gerühmt, dass für anstehende Probleme verschiedene Lösungen ausprobiert, verschiedene Konzepte und Modelle entwickelt werden. Tatsächlich erreichen die modischen Wellen der Zusammenlegungen alle föderalen Einheiten mehr oder weniger gleichzeitig. Kein Bundesland hat versucht, statt die kleinen Einheiten zusammenzulegen, ihre Aufgaben neu zu konzipieren, sie anders und besser auszustatten und zu vernetzen, vielleicht die Bürger und Bürgerinnen zu aktivieren.

Warum wird nicht mehr experimentiert? Und wenn es der Staat nicht konnte – warum können es die Kirchen nicht? Warum werden neben der Zusammenlegung von Kirchengemeinden nicht andere Konzepte und Modelle ausprobiert, bei denen den Gemeinden pastorale Aufgaben übertragen, an Gemeindemitglieder, die sich um die Gemeindeangelegenheiten kümmern, kleine Stellen geschaffen und technische Infrastrukturen eingerichtet werden, über die Gemeinden sich kommunikativ vernetzen können? Warum wird nicht erhoben, welche human resources in den Gemeinden vorhanden sind und angesprochen werden können – über die Gemeindemitglieder hinaus, die ohnehin aktiv sind? Warum wird nicht um Pastoren und Pastorinnen oder auch befähigte Laien geworben, die ihren Ruhestand gerne in einem kleinen Dorf zugleich aber mit und für dessen Gemeinde verbringen mögen?

von Bernhard Schlink, 15. Juli. 2021

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