Der inszenierte Rücktritt – wem nützt er?

Kardinal Marx bot dem Papst Anfang Juni seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising an. Er wolle damit persönlich Verantwortung für die Vertuschung sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Institutionen übernehmen. War das ein Akt reuiger Integrität oder die geschickte Inszenierung einer PR-Kampagne? Hätte Kardinal Woelki seinen Rücktritt vom Amt des Erzbischofs von Köln angeboten, dann hätten alle Beteiligten aufgeatmet. So aber fragt man sich, was der Kardinal und der Papst mit dieser Aktion erreichen wollten, die doch alles beim Alten ließ. Was war die Botschaft?

Wollte sich der liberale Marx der Unterstützung des Papstes im Streit mit seinen konservativen Kollegen in Deutschland versichern? Den Wortlaut des päpstlichen Schreibens kann man so interpretieren. Dort heißt es: „Ich stimme Dir zu, dass wir es mit eine Katastrophe zu tun haben. […] Wir müssen für die Geschichte Verantwortung übernehmen, sowohl als einzelner als auch in Gemeinschaft. […] Nicht alle wollen diese Tatsache annehmen, aber es ist der einzige Weg.“

Das ist eine klare Aussage. Die Kirche will die Verbrechen, die in den eigenen Reihen begangen wurden, nicht mehr vertuschen. Die Kräfte, die seit Jahren Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit einfordern, können das Schreiben aus Rom als päpstlichen Segen für ihren Weg der Aufklärung lesen.

Der Papst empfindet Scham und Reue, aber am Ende steht eine klare Zurückweisung institutionellen Wandels. Nicht strukturelle Reformen und schon gar keine „Reformation“ wiesen den Weg aus der Krise, so der Papst, sondern das höchst individuelle Bekenntnis, das schon Petrus vor Jesus abgelegt habe: „Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder!“

Die Gläubigen, die in Scharen aus der katholischen Kirche austreten, nehmen den Papst ernster als es ihm lieb sein kann: sie gehen weg, weil sie den Glauben an die Kirche als einer verlässlichen Institution verloren haben. Sie sehen dort in der Tat nur noch Sünder. Und offensichtlich zweifelt selbst das Oberhaupt dieser Kirche an der Kraft seiner Institution. Denn er findet nur eine durch und durch individualistische Antwort auf die strukturelle Krise seiner Kirche. Man kann es als bestürzend empfinden, wenn eine Institution, der nach biblischer Verheißung nicht einmal die Pforten der Hölle etwas anhaben können, sich selbst als zum Handeln Aufgerufene verleugnet und sich durch inszenierten Individualismus zu retten versucht. Der Schaden wäre dann größer als der Nutzen.

von Rolf Schieder, 01. Juli. 2021

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