Die Arbeiterbewegung und die Kirchen

Zwei alte Institutionen, die Kirchen und die Gewerkschaften, befinden sich heute in einem besonders bedauernswerten Zustand. Beider Mitgliederverluste sind in ihrer Dramatik dem Abschmelzen des arktischen Gletschereises vergleichbar. Eine Umkehr dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Wie konnte es dazu kommen?

Die Kirchen verloren den Kontakt zur Arbeiterschaft bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Zwar versuchten diakonische Vereine und christliche Gewerkschaften, Proletariat und Kirchen einander näher zu bringen. Aber sie konnten am Eindruck, dass die Kirchen auf der Seite der herrschenden Klasse standen, nichts ändern. Überdies waren der Arbeiterbewegung aufgrund ihres atheistischen Materialismus die Kirchen fremd.

In der Bonner Republik trugen beide zur politischen und gesellschaftlichen Stabilität bei. Weltanschauliche Grabenkämpfe wichen strategischen Partnerschaften, etwa beim gesetzlichen Schutz des Sonntags. Noch gibt es Auseinandersetzungen über den sogenannten „dritten Weg“ der Kirchen beim Arbeitsrecht; aufgrund europäischer Gesetzgebung werden sie bald der Vergangenheit angehören. Der Kulturkampf ist vorbei – und beide stehen als Verlierer da. Warum?

Beide sind Opfer des „neuen Geists des Kapitalismus“ (L. Boltanski). Er hat Prozesse der Individualisierung und Globalisierung beschleunigt, er hat das global fühlende kulturelle und intellektuelle Milieu und die lokal gebundene Arbeiterschaft einander entfremdet. Mit ihren neuen Parolen „Diversität“, „Anti-Rassismus“, „Anti-Kolonialismus“ erreichen die linken und die kirchlichen Eliten die Arbeiterschaft nicht – und überlassen sie den rechten Populisten.

Die „internationale Solidarität“ der Arbeiterschaft ist angesichts der internationalen Kooperation der Konzerne heute wichtiger denn je. Aber im neoliberalen Prozess der Individualisierung wurde Arbeitern wie Gläubigen eingeredet, sie könnten ihre materiellen und ihre spirituellen Bedürfnisse am besten alleine, ohne die Unterstützung von Institutionen, realisieren. Es ist ein Irrglaube. Aber bis der Zeitgeist dem neoliberalen Individualismus den Abschied gibt, müssen beide, Kirchen und Gewerkschaften, durchhalten. Sie müssen zeigen, dass sie die Individuen effektiver und nachhaltiger stärken als individualistische Angebote, die die Sehnsucht nach Individualität nur ausbeuten. Sie müssen Solidarität erlebbar machen.

von Rolf Schieder, 01. Mai. 2021

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