Theologische Fakultäten – reformbedürftig, aber notwendig

Es ist nicht selbstverständlich, dass Religionsgemeinschaften die Ausbildung ihrer Funktionseliten dem Staat anvertrauen. Ebenso wenig ist es selbstverständlich, dass sich der Staat für wissenschaftlich gebildetes Personal in Kirchen, Moscheen und Synagogen verantwortlich fühlt. Staatlich organisierte religiöse Bildung leistet aber in der Tat einen wesentlichen Beitrag zur Zivilisierung des religiösen Lebens. Wissenschaftliche Theologie ist Fundamentalismusprophylaxe, sie schützt die Religionsgemeinschaften vor der Selbstisolation. Zugleich vermag die Theologie aber auch das Bewusstsein einer Gesellschaft für die eigenen religionskulturellen Wurzeln zu stärken. Theologische Fakultäten vermitteln in beide Richtungen.

Theologische Fakultäten sind am ehesten mit Juristischen Fakultäten zu vergleichen. Beiden ist ihr Gegenstand vorgegeben: den Juristen das geltende Recht, den Theologen die Bekenntnisse ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaften. Beide reflektieren das jetzt Geltende kritisch, vor allem aber haben sie ihre Studierenden in den sachgerechten Umgang mit ihrem Gegenstand einzuweisen. Die enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis hat sowohl dem Rechtssystem wie auch den Kirchen, sowohl den juristischen wie den theologischen Fakultäten in Deutschland gut getan – und die Erfahrungen aus Ländern, in denen diese enge Interaktion fehlt, sind nicht dazu angetan, dieses deutsche religionspolitische Erfolgsmodell leichtfertig aufzugeben.

Das Grundgesetz garantiert konfessionellen Religionsunterricht, mithin ist die wissenschaftliche Ausbildung von Religionslehrkräften in der Tradition ihrer jeweiligen Konfession vom Staat zu gewährleisten. Auf das Lehramt studieren an evangelischen Fakultäten und Instituten etwa ein Drittel der Studierenden, ein Drittel strebt das Pfarramt an, und es wächst der Anteil derer, die sich für ein Studium an einer theologischen Fakultät entscheiden, ohne einen Beruf in der Kirche anzustreben. Sie interessieren sich für theologische Themen als gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Theologische Fakultäten haben in naher Zukunft eine Reihe von Problemen zu lösen. Die Kirchen beklagen, dass Studierenden ein Übermaß an philologischem und historischem Lernstoff auferlegt wird. Die Universitäten fragen, wie konfessionsgebundene Fakultäten Synergieeffekte erzielen können und Institute in sinnvolle größere Einheiten integriert werden können. Diese Probleme sind aber lösbar, wenn das Ziel wissenschaftlicher Theologie, nämlich die Vernunft der Religion zu erweisen, nicht aus dem Blick gerät.

von Rolf Schieder, 01. März. 2021

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