Religionspolitik

„Religionspolitik sollte in Deutschland als eigenständiges Politikfeld etabliert werden.“ Mit dieser Forderung trat die Konrad-Adenauer-Stiftung im Januar 2019 an die Öffentlichkeit und seither will der Ruf nach „eigenen Arbeitseinheiten in den Ministerien“ nicht mehr verstummen. Damit es in Deutschland eine Religionspolitik aus einem Guss gebe, solle ein religionspolitisches Institut nach dem Vorbild der vom Bundeskanzleramt finanzierten und vornehmlich außenpolitische Themen bearbeitenden Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zügig etabliert werden.

Was ist von einem solchen Vorschlag zu halten?

Zweifellos besteht religionspolitischer Handlungsbedarf. Die Pluralisierung und Individualisierung des religiösen Feldes verlangt nicht nur von den Kirchen und Religionsgemeinschaften, sondern auch von den politischen Akteuren die Bereitschaft und die Kompetenz für tiefgreifende und nachhaltige Reformen. Davor schrecken aber zurzeit sowohl die etablierten Kirchen, die Volksvertreter in den Parlamenten, wie auch die zuständigen Behörden zurück.

Was hülfe da aber eine weitere, von einem Bundesministerium oder dem Bundeskanzleramt abhängige Einrichtung? Religionspolitik ist aus guten Gründen Ländersache. Die religionskulturelle Lage in Berlin ist gänzlich anders als die in Bayern. Ferner: In Deutschland gibt es bereits 700 Professuren für Theologie. Hinzu kommen Staatskirchenrechtler, Religionswissenschaftler, Soziologen und Politikwissenschaftler, die kompetent Auskunft über die gegenwärtige religiöse Lage geben können. Eine religionspolitische Bundesbehörde erscheint da nicht nur überflüssig – sie würde auch den Geruch des Paternalismus eines nach Pastoralmacht strebenden, oder schlimmer noch: kulturkämpferischen Staates nicht los.

Eine staatsnahe Behörde kann sich nicht pointiert äußern, sondern hat sich immer mit den von ihr betreuten und beobachteten Akteuren abzustimmen. Den Vorzug verdienen demgegenüber zivilgesellschaftliche Initiativen, die die Kommunikation zwischen religionsbezogener Wissenschaft und religionsbezogener Politik intensivieren und optimieren. Religionspolitik ist in erster Linie Sache der Bürgerinnen und Bürger. Sie müssen sich von der religionskulturellen Lage im Land einen Begriff machen und ihre Vorstellungen von der Zukunft der Religion den Volksvertretern kommunizieren. Wir brauchen mithin eine Religionspolitik von unten, nicht von oben.

von Rolf Schieder, 05. Jan. 2021

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